Porkcamp: Ein kollektives Schlachtfest
Der Einzige, der, als ich es ihm erzählte, sofort verstanden hat, was das Porkcamp sein soll, war mein Vater: "Das ist wie die Hausschlachtungen bei uns auf dem Hof damals, oder?" Als Sohn eines kleinen Landwirts im Oberpfälzischen hat er genau das noch als Teil des Alltags erlebt, was unsere Generation nur vom Hörensagen kennt: Das Schlachten, Zerlegen und Verarbeiten von Tieren. Und hat deshalb ein ganz selbstverständliches Bewusstsein davon, was es eigentlich heißt, Fleisch zu essen.
Als Florian mir im letzten Juni das erste Mal von seiner Idee erzählte, eine Art Barcamp zum Thema Schweineschlachtung zu veranstalten, war meine instinktive Reaktion: Abgefahrene Idee, aber eben vor allem: verrückt. Das äußerste Ende des Foodbloggings. Bis er ernst gemacht hat mit der Idee, und bis ich verstanden habe, was der Punkt daran ist: Wieder erfahrbar zu machen, was es eigentlich heißt, Fleisch zu essen.
Und was soll ich sagen: Es hat fantastisch funktioniert.
Ich habe gesehen, wie ein Schwein getötet wird, damit wir sein Fleisch essen können. Das bleibt hängen. Was aber auch hängen bleibt: Dass das kein barbarischer Akt sein muss, wenn nicht industriell geschlachtet wird, wenn Tiere als Nutztiere, aber nicht als Rohmaterial behandelt werden. Dass die Perversion nicht im Fleischfressertum liegt, sondern in der Herauslösung aus dessen eigentlichem Kontext. Dass der Satz: "Bei uns ist das oberste Gebot der Respekt vor dem Tier" aus dem Munde eines Schlachters nicht zynisch sein muss, sondern die Voraussetzung dafür ist, dass ich guten Gewissens Fleisch essen kann: Als Fleischfresser, nicht als Tierquäler.
Und so gab es nach viel Blut, befremdlichen Gerüchen und fachkundiger Erklärung der Zerlegung: viel Fleisch zu verarbeiten. Es wurden Köpfe ausgenommen, Wurst gemacht und Sülze, gekocht, gebraten und gebacken, Filets und Leberwurst auf zweierlei Arten gegart, vier Porchettas angefertigt, Schweineohrenpralinés und Pork Pies, Nürnberger Bratwürste und solche mit Zitronengrasaroma. Sechs ganze Schweine wollten verarbeitet sein, und vor allem: gegessen. (We didn't make it, btw. So viel kann man gar nicht essen. Man kann aber die Reste mitnehmen.)
Die Teilnehmer - Köche, Foodblogger, Journalisten, Gernesser, Filmemacher, Neugierige, Universaldilettanten, Eltern und Musiker: Großartige Menschen. Die ein ganzes Wochenende gemeinsam etwas Neues erleben und ausprobieren, die Zubereitungsarten und Fleischsemantik erklären und lernen, und die vor allem: großen Spaß dabei haben. Und sich am Ende einig sind, dass Florian mit dem Porkcamp etwas Einzigartiges erfunden hat - das man nichtsdestoweniger auch auf die Themen Wein, Käse oder Wintergemüse übertragen könnte. Solange es "unsere" Veranstaltung bleibt - denn darüber waren sich am Ende auch alle einig: Kein Fußbreit der Nahrungsmittelindustrie.
Das heißt für mich aber auch: Ich muss mehr darüber wissen, was vor der Schlachtung mit den Tieren passiert. Respektvoller Umgang mit dem Tier kann nicht beim Schlachter beginnen - viel wichtiger ist eigentlich, wie die Tiere ihr Leben verbringen können. Wie, und: wie lange. Das ist für mich denn auch der einzige Wermutstropfen am Porkcamp: Dass die Schweine zugekauft waren, nur 3 Monate alt und eine Markt-orientierte Züchtung. An diesem Punkt konnte mich auch der kompetente, sympathische und über die Maßen engagierte (wie nennt man das?) Chefschlachter nicht überzeugen.
Zum gleichen Wissen, zur gleichen Selbstverständlichkeit wie der meines Vaters ist es also noch ein Stück Weg. (Ich hoffe nur, er kauft nicht selbst inzwischen wahllos Fleisch. Werde ich überprüfen.)
P.S.: Alles über das Porkcamp gibt's hier: http://porkcamp.com
P.P.S.: Bald auch einen Film. Mit Blut, ja, aber ohne Schlachtszenen. Stay tuned.