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F.A.T. Lab, Google Street View und die Blogosphäre

Oh, wie ist das schön: Pünktlich zur transmediale schickt Google ein Street View Car durch die Straßen Berlins, die anwesende F.A.T. Lab Crew entdeckt es, verwanzt es mit einem GPS-Tracker, und führt Google per Mashup, Video und hämischen Kommentaren vor. Von Basic Thinking bis Boing Boing redet jeder darüber, man freut sich diebisch und diskutiert lebhaft. Aktion "Fuck Google": geglückt.

Zu schön, um wahr zu sein? In der Tat. Das Ganze ist nämlich (natürlich): ein Hoax.

Wer es wissen wollte, konnte es schon am Freitag hören und nachlesen, dass da mehr Schalk als Chuzpe im Spiel ist, und ein Blick auf die Parkplätze vor dem HKW machte spätestens am Sonntag sonnenklar, dass das "Google Street View Car" eine elaborierte Attrappe war - aus der Ferne authentisch, von nah dran ein Fake aus Sperrholz, Plastik und Klebebändern. Und bis auf einige wenige Kommentatoren: ist jeder drauf reingefallen. Chapeau - sehr schön gespielt, F.A.T. Lab!

Warum aber der Hoax (außer, weil's Spaß macht)? Meine 2 Cent: Um der Reaktion der Blogosphäre willen.

So bereitwillig wurde das Thema aufgegriffen, so war groß war die Schadenfreude (und der Diskussionsbedarf), dass die Aktion vor allem eins lehrt: Googles Marktmacht ist wirklich ein Thema, nicht nur ein Aufhänger für uninformierte Feuilleton-Kommentare. Und eins, auf dem beide Seiten, Kritiker wie Apologeten, ernstzunehmende Argumente haben.

Was die Aktion aber auch lehrt: Wie leicht die Blogosphäre immer noch zu hoaxen ist. Vor lauter Häme und Erregung hat es kaum einer geschafft, ein wenig zu recherchieren oder die vorhandenen Hinweise zu verfolgen. Das F.A.T. Lab hält also weniger Google als vielmehr seinen Gegnern (und Verteidigern) einen Spiegel vor: "Ätsch, so leicht seid ihr vorzuführen."

Alles in allem: Eine wirklich schöne Lektion in Aufmerksamkeitssteuerung.

P.S.: Den transmediale Award hat F.A.T Lab nicht bekommen, der musste ja an ein sterbenslangweiliges "Online zu Offline und zurück"-Projekt gehen. Ein "Fuck transmediale" qua spontaner Zeremoniestörung war natürlich die angemessene Reaktion. 

Google und die Kleinen Teile, Teil 2

Der Aufschrei, der durch's Netz ging, war beträchtlich - das Etherpad-Team darf ganz schön stolz sein. Und mein Kollege Florian Siepert hatte vollkommen recht: Google wäre nicht Google, würden sie einen solchen Aufschrei ignorieren. Daher heute, Sonntag: Alles wieder gut.

Etherpad als Open Source: Das greift auf, was ohnehin als bevorzugte Reaktion auf den Aufkauf diskutiert wurde, gibt uns allen die Möglichkeit, seine Zukunft zu bestimmen, und da Etherpad mindestens nutzbar bleibt, bis der Code verfügbar ist, müssen wir uns auch keine Sorgen über unsere Daten machen.

Erstaunlich dabei:

1. Die Geschwindigkeit, mit der Google (und ex-Etherpad) ihre Entscheidung revidiert haben.
2. Die Offenheit und Transparenz, mit der diese Revision verkündet & erklärt wird.

Das Netz hat sehr eindeutig gewonnen in diesem Fall - und Google: Doch nicht böse. Ab heute und auf Bewährung.

Google vs. Small Pieces, Loosely Joined

Eins muss man Google lassen: Sie haben den richtigen Riecher. Realtime Web? Check. Etherpad, das interessanteste Tool dafür? Check. Aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe.

Warum habe ich, haben Sebastian Sooth, Kathrin Passig, Deutschlands Coworker, mein Chef Etherpad benutzt? Because it's so damn simple. Es tut nur eins, und das sehr gut: viele Menschen gemeinsam an einem Text arbeiten lassen, in Echtzeit. Besser als ein Wiki, und ohne Schnickschnack. Ein Tool für einen einzigen Zweck.

Aber: gemeinsam an etwas arbeiten, in Echtzeit? War da nicht was von Google? Ja, richtig: ein (wie sagt man das auf deutsch?) overengineeredes Tool, das alles kann & ersetzen will (Email, IM, Collaborative Editing, you name it).

Möchte ich es benutzen? Nein. Nicht weil es von Google ist, sondern weil ich mich nicht auf das konzentrieren kann, was ich damit machen möchte. Ich nutze Email, ich nutze Skype, ich nutze Dropbox, ich nutze Google Docs, und alles greift wunderbar ineinander. Das einzige, was mir fehlte: Einfach in Echtzeit gemeinsam an Texten arbeiten. Dafür hatte ich Etherpad.

Small pieces, loosely joined - alles war gut. Bis gestern: Google kauft Etherpad, alle Pads enden am 31. März nächsten Jahres.

No big deal? I don't think so.

1. Wenn mir jemand die Möglichkeit nimmt, mir meine Tools so zusammenzustellen, wie es zu meiner Arbeitsweise am besten passt, dann bin ich sauer. Aber auch darüber hinaus: Wenn jemand gegen "small pieces, loosely joined" arbeitet, dann arbeitet er gegen das Internet. Das bringt mich zu:

2. Der Kauf von Etherpad und, vor allem, der Shutdown durch Google ist ein weiterer Angriff im, wie es Tim O'Reilly nennt, "war for the web" - Teil des Bemühens, die Vorherrschaft im Web zu gewinnen: "We're heading into a war for control of the web. And in the end, it's more than that, it's a war against the web as an interoperable platform. Instead, we're facing the prospect of Facebook as the platform, Apple as the platform, Google as the platform, Amazon as the platform, where big companies slug it out until one is king of the hill."

Dieser Weg behagt mir nicht. Und deshalb, zur Enttäuschung mancher Freunde: From today, I'll consider Google as evil.

UPDATE: Verdikt zurückgenommen, Google auf Bewährung.