Filed under: Debatte

Na bitte, geht doch! Danke, Jean Luc Think Tank.

Wo die Not am größten ist, da wächst das Rettende auch: Seit dem Jean Luc Think Tank am Wochenende bin ich guten Mutes, dass wir noch intellektuelle Reserven haben, die wir für eine echte Debatte über das Internet nutzen können. Gutes Format, viele interessante Teilnehmer und spannende Diskussionen, und nicht zuletzt konkrete Pläne, wie wir die Themen "Politische Theorie des Internet" und "Netzdiskurs und Ideologie" weiterbearbeiten können.

In den nächsten Tagen und Wochen gibt's dazu sicher mehr - dann wird es heißen "Simmel meets Singularitarian", "Wie viel Jesus ist das Internet?" und "Aristoteles für Facebook-Freunde".

Hier ist jedenfalls schon mal eine Vorschau auf unser Thema:

Wordle: Jean Luc Think Tank: Netzdiskurs und Ideologie

(Datenbasis: unser Etherpad-Dokument für den gemeinsamen Essay zum Thema; Stand: heute, 13:00 Uhr)

Debatte? Welche Debatte?

Erst die liebgewonnenen Vorurteile: Klar, der Schirrmacher wieder. Nach der Überalterung und dem Ende der Familie nun also das Internet als Überforderungsmaschine. Fröhliche Urständ des Kulturpessimismus, was sonst.

Dann kommt Fräulein Schiller und möchte eine Debatte visualisieren, schlägt den leidigen Schirrmacher vor, und man kommt nicht umhin, den ganzen Schmonz auch wirklich zu lesen.

Und dann die (erschreckende?) Erkenntnis: Der 1. FC Feuilleton hat vielleicht keinen Sturm, aber immerhin einen Spielmacher. Und keinen schlechten. Lokomotive Internet dagegen: Kick and rush, ungestüme Stürmer, kaum Ballkontrolle, kaum Tore. Spiel? Fehlanzeige.

Beim Lesen und Nach-Denken wird schnell klar: Der Großteil der üblichen Verdächtigen arbeitet sich an der - zugegeben wohlfeilen und aufmerksamkeitsgeilen - These von der Überforderung ab; aber kaum jemand diskutiert die richtigen und wichtigen Fragen, die Schirrmacher eben auch aufwirft. Sind Internet, Aufmerksamkeitsökonomie und "Mikroarbeit" nicht auch eine Zuspitzung des Spätkapitalismus? Welchen Einfluss hat diese Technologie auf unsere Identitäts- und Autonomiekonzepte? Was bedeutet "externalisiertes Denken"? Ist die anscheinende Berechenbarkeit von menschlichem Verhalten vielleicht auch eine Folge unserer immer stärkeren Einbindung in komputationelle Kontexte? Und: Wie schön ist die neue Welt des Internet eigentlich?

Sicher: Gegen Schirrmachers Thesen lässt sich trefflich argumentieren. Der Spätkapitalismus wird durch das Internet mindestens ebenso in Frage gestellt wie zugespitzt. Identität und Autonomie haben wir angesichts neuer Formen von Kommunikation, Interaktion und Machtausübung stets neu definiert. Denken und Gedächtnis wurden auch durch Adressbuch, Post-its und Lexika externalisiert. Die Vorhersagbarkeit von Verhalten ist schon lange der ewige Traum der empirischen Sozialwissenschaft. Und: Auch die neue Welt der Industrialisierung war nicht nur schön. Dafür können wir hierzulande jetzt mehrheitlich warm duschen.

Aber, erstens: Genau diese Argumente sind die Minderheit - die Mehrheit der Netz-Antworten beschränkt sich darauf, wahlweise über den angeblichen Noob Schirrmacher zu lachen, gegen einen wahrgenommenen Kulturpessimismus anzurennen oder das alte Spiel "Alte gegen Neue Medien" zu wiederholen. Lame.

Und, zweitens: Vielleicht müssen wir manche von Schirrmachers Fragen ernster nehmen, als uns lieb ist - und vielleicht ließen sich weitere daran anschließen. Bedient das Multitasking meines Internet-Alltags wirklich meine Stammesinstinkte, oder behindert es sie nicht vielmehr? Ist unsere Tribalisierung durch das Internet nicht auch eine Gefahr für das Projekt "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"? Und: Klar bin ich unzufrieden mit Googles jüngstem Bemühen, meine Suchanfragen zu interpretieren - nicht schlau genug. Aber was passiert, wenn die Algorithmen ausgeklügelt genug sind? Bin ich dann zufrieden mit dem Gelieferten, ohne es zu hinterfragen? Ist das Diktat der Interessanz vielleicht doch nur die Ablösung der Redaktion durch die echo chamber und durch die Quants, die schlauen Vorwegnehmer meines Interesses?

Bei der Recherche für die Debattenvisualisierung habe ich mich oft auf Frank Westphals Rivva verlassen - und just ging mir einer der interessanteren Beiträge dazu durch die Lappen. Das jedoch ist weniger ein Fehler des Algorithmus als vielmehr einer des Diskurses: Was keiner verlinkt und tweetet, das spült Rivva natürlich nicht nach oben. Und offenbar war der betreffende Beitrag dem Netzpublikum nicht so wichtig wie die Einlassungen eines Sasche Lobo, Ossi Urchs oder Markus Spath. Womit wir beim Kern meines Problems mit der hiesigen "Debatte" wären: Die fast vollständige Abwesenheit einer solchen. Das Netzpublikum redet mit sich selbst, das Feuilleton ist das Feuilleton, und Schluss. Wortreiche Sprachlosigkeit zwischen Nabelschauern. Keine Third Culture, nirgends.

Dachte ich bis heute gestern abend.

Da wurde Fräulein Schiller wieder aktiv und schickte mir (ja, gescannt) das Schirrmacher-Interview aus der aktuellen de:bug. Und plötzlich ist alles da: Menschen, die miteinander reden, die Gemeinsamkeiten entdecken, die Themen teilen und nicht Standpunkte, und die (trotzdem? deswegen?) anfangen, Argumente auszutauschen. Inkl. theoretischem Hintergrund, Zuspitzungen und schlussendlicher Uneinigkeit - und dem unwillkürlichen Leserimpuls, weiterzudenken.

Kurz: Eine Debatte.

Und deshalb ist mir seit heute Sascha Kösch lieber als Sascha Lobo.

P.S. Ich erwarte einen diesbezüglichen Beitrag auf Deutschlandradio Kultur zur Wiederherstellung meines Glaubens an die deutsche Debattenfähigkeit. Bis dahin liegt alles auf Eis.